Logo

Das Momentum der Abstraktion


Dieser erste Augenblick beim Betrachten der Bilder von Chris Groitl vermittelt Dynamik, Energie und Lebensfreude. Gefühltermaßen. Doch auch beim zweiten Blick -rationaler gesehen- wird einem diese Intuition bestätigt: Die abstrakten farbintensiven Bilder der Künstlerin bieten ein breites Spektrum nicht nur an Größen, Farben und Formen, sondern auch an Interpretationen. »Es liegt im Auge des Betrachters«, aus dieser Perspektive heraus überlässt Groitl zumeist auch den Bildertitel dem Beobachter »um ihn frei in seiner Rezeption« zu belassen.

In ihrer aktuellen Schaffensphase, dem Projekt 2010, wird diese Freiheit in der Wahrnehmung durch besondere Nuancen komplettiert: So werden kleine Glas- und Acrylplatten (ca. 25 x 20 cm) in ein Gemisch aus Acryllacken getunkt. Die oberflächige Komposition spiegelt sich dann auf dieser Platte wieder - eine konservierte Momentaufnahme, scheinbar dem Zufall entsprungen. So findet man beispielsweise ein weißes Ziegenböcklein auf grün-schwarzem Hintergrund wieder. Oder man assoziiert diese in sich verlaufenden Farben mit einem Küstenabschnitt, der von einem Weltraumteleskop aus fotografiert wurde. Die Entstehung neuer Welten. Hieraus spannt sich der Bogen zwischen künstlerischer Schöpfung und Inspiration für den Ausdruck. Chris Groitl forciert genau dieses Momentum: Sich auf Neues einlassen wie auf ihren Reisen nach Griechenland, in die USA oder nach Fernost. Offen sein für das unerwartete Tiefgründige, dabei einen Augenblick lang verharrend..., um sich anschließend darin wieder zu finden.

Die Crux allerdings liegt en détail: Groitl extrahiert einen bestimmten Ausschnitt solch einer Bilderpalette in überdimensionaler Größe. Auf Leinwand (ca. 170 x 110 cm) mit Öl oder wiederum Acryllacken verarbeitet, werden diese an Gerhard Richter reminiszierenden Aufnahmen anders »charakterisiert«. Intensitäten -zum Beispiel in kräftigem Rot- bekennen sich zur ihrer Farbe, Formen wirken aus ihrer Abstraktion heraus stilisierend echt. Als ob es den Zufall nie gegeben hätte, so vertraut erscheint dem Betrachter sein Bild.


»Man muss Malen erst lernen, bevor man es wieder verlässt«


Vita - Chris Groitl arbeitet seit über 30 Jahren als Künstlerin. Anfang der 80er Jahre, noch der Gegenständlichen Malerei verbunden, verfeinert sie ihre Techniken u. a. bei Hildegard Klepper-Paar (Zeichnen und Tiefdruck) und Carlo Borst (Aquarell). Erste Ausstellungen folgen (u. a. in und um München, Stuttgart und Nürnberg). Intensive Auseinandersetzung mit Radierungen und anschließender Leinwandbeginn (Öl). Der Übergang zur Abstrakten Malerei vertieft sich in Arbeiten im Schwabinger Atelier bei Stefan Wehmeier.

90er Jahre – Ausstellungen in Nauplia/Griechenland und in der Kunsthalle St. Moritz. 1993 Auftakt für das eigene Atelier in Riemerling bei München. Dort auch der Beginn der eigenen Malschule (bis 2010). Ehrenmitgliedschaft Cultura Venezia und weitere Ausstellungen u. a. in Hannover, Ulm und dem Nymphenburger Schloss zu München. Abschluss dieser Dekade durch eine Gruppenausstellung im Art Museum Milwaukee/USA.

Millennium - neue Schaffensphasen mit Holzskulpturen und Acryl (Stelen). Anschluss und Ausstellungen bei der Cultura Castelfranco in Italien und Budapest. Unterstützung und Engagement für die Opfer des Tsunamis in Sri Lanka (Ubul-Windfahnen, 2005). Exkursion und Vertiefung der eigenen Maltechniken bei Bernhard Lokai (Meisterschüler von Gerhard Richter) in Essen.
Das neue Jahrzehnt: Projekt 2010.

                                                  Julian Robling